
Jüngerhans Intern
Reederei Jüngerhans, ein expandierender Familienbetrieb
Ostfriesische Reeder stehen heute für deutsche Reedertraditionen. Die "Nase" für die richtigen Schiffe und das richtige Geschäft gehören dazu, aber Geld verdienen heißt vornehmlich hart arbeiten, und nicht "cherry picking".
Eigentlich wird das Unternehmen patriarchalisch geführt. Bei genauerem Hinsehen ist es dann allerdings doch mehr ein Team. Ganz sicher aber sind derartige Gedanken zur Führungsstruktur des Unternehmens in der Arbeitswelt der Jüngerhans von deutlich untergeordneter Bedeutung. Es zählt Durchsetzungsvermögen, wie immer. Aber da das Führungsteam pragmatisch ergebnisorientiert arbeitet, ist das Durchsetzen nur mit guten Argumenten möglich.
Am Ende zählt bei den Jüngerhans harte Arbeit - das war immer so.
Kapitän Heinrich Jüngerhans, geschäftsführender Gesellschafter des expandierenden Familienbetriebes, erzählt - zögernd vielleicht - die Geschichte der Familie. Vertrauen und Zeit gehört dazu. Er trägt sein Herz nicht auf der Zunge. Vertrauen und harte Arbeit sind überhaupt die Schlüsselbegriffe für die Familie. Das galt schon für den Großvater. Der segelte mit dem "Punt-boat", einem flachgehenden, schonergetakeltem Fluß- und Küstenboot, mehrfach nach Brasilien. Das war sicher gut fürs Geschäft, wie seine Nachfahren heute zu berichten wissen, aber der gute Mann muß wohl auch tagelang bis zum Bauch im meist recht frischen Atlantikwasser gestanden haben. Wie hält man so etwas durch, wenn nicht mit harter Arbeit und viel Vertrauen in das Schiff, die Besatzung, zu sich selbst und natürlich auch auf den Lieben Gott? Alt ist er nicht geworden, weiß Heinrich Jüngerhans heute zu berichten, aber erfolgreich war er sicher. Auch der heutigen Generation fällt nichts in den Schoß, obwohl - so schränkt Heinrich Jüngerhans gleich ein - obwohl also für ihn selbst und seinen Bruder Hermann der eigentliche Startschuß mit einem zinslosen Kredit fiel, den er von seinem Vater bekam. Bei allem Stolz auf die eigene Leistung, er vergißt nie darauf hinzuweisen, daß der Erfolg, nicht nur im komischen Sinne, sondern ganz real, meist viele Väter hat.
Die Brüder Jüngerhans, Jahrgang 40 und 42, fuhren zur See. Was auch sonst. Anfang der 60er Jahre wurden gewissermaßen programmgemäß die Patente gemacht. Beide blieben im Beruf. Hermann Jüngerhans macht heute die technische Ãoberwachung mit Bauaufsicht und nautisch-technischer Inspektion im Familienbetrieb. Natürlich, bei den 32 Schiffen, die das Unternehmen derzeit beschäftigt bzw. bereedert, sind noch weitere sieben Angestellte in diesem Bereich beschäftigt. Allein ist die Inspektion nicht mehr zu schaffen. Insgesamt beschäftigen die Jüngerhans unmittelbar derzeit mehr als 420 Personen. Davon sind über 20 im Kontor in Haren tätig und ca. 60 deutsche Patentinhaber fahren auf den Schiffen. Insgesamt aber, das zeigt auch die Firmenübersicht, steckt weit mehr an Beschäftigung hinter den Aktivitäten der Jüngerhans, und auch für das weitere Umfeld in Haren fällt einiges ab. Aber zurück zu den Jüngerhans. Heinrich Jüngerhans hatte schon 1965 sein erstes eigenes Kommando und war damals mit seinen 25 Jahren sicher einer der jüngsten Kapitäne. Das Schiff war die in Brake gebaute "Stefan J", in der auch der Kredit des Vaters steckte und die für die Reederei "Stephan Jüngerhans Söhne OHG" fuhr. Ende 1970 wurde die alte "Stefan J" verkauft und die neue "Stephan J" in Dienst gestellt. Auch die ist allerdings längst wieder verkauft. Die derzeit in Fahrt befindliche "Stephan J" wurde 1995 in Dienst gestellt und entstammt einer Sechserserie, die in Portugal gebaut wurde. Die "Stephan J" aus dem Jahre 1970 war allerdings das erste KG-Modell der Jüngerhans. Sie wurde gebaut mit 40% Fremdkapital. Eingeworben von den Jüngerhans selbst, ohne Prospekt und im wesentlichen per Handschlag. Gänzlich anders als in so vielen anderen Fällen, die vergleichbar begonnen haben, läßt sich bei den Jüngerhans nicht mehr so genau sagen, ob denn die heute guten persönlichen Beziehungen zu den Kommanditisten aus der Kapitalverbindung folgten oder umgekehrt. Fakt ist, das Geld hat sie nicht auseinandergebracht.
Jüngerhans ist treu und dies wohl, weil ihm der keineswegs nur moralische Wert der Treue sehr bewußt ist. Er will sich auf seine Partner verlassen können und entsprechend zuverlässig will er selbst sein.
Es macht - so erläutert er - ja auch kommerziellen Sinn, wenn man sich z.B. auf seine Werft blind verlassen kann, ohne daß die Bauaufsicht Tag und Nacht auf den Beinen ist. Eher beiläufig erzählt er auch, daß das Restaurant "Zur Ems", in dem wir essen gleich neben dem Elternhaus der Jüngerhans liegt. Allerdings ist, unabhängig von positiver Bodenständigkeit, die Küche auch zu empfehlen. Die Jüngerhans kommen aus dem Emsland, sie wollen dort bleiben und sie sind entschlossen, mit ihren Aktivitäten auch der Region zu dienen. Zurück zu den Schiffen, die fallen bekanntlich nicht vom Himmel. Auch die "Stephan J" der siebziger Jahre war kein Zufallsprodukt. Heinrich Jüngerhans hatte geheiratet und seine Frau Maria fuhr mit. Das war keine Seltenheit in der damaligen Zeit und schon gar nicht für einen jungen Reeder-Kapitän aus Haren an der Ems. Maria Jüngerhans kannte die Schiffahrt aus dem Effeff. Nicht nur, weil man im Emsland immer irgendwie auf Schiffahrt stößt, sondern weil sich die Steuerfachfrau bis zur Heirat schon ständig mit Reedern, ihrer Buchführung, ihren Investionen und und natürlich mit dem Verhältnis zum Finanzamt befaßt hat. Sie übernahm an Bord nicht nur sofort die Lohnbuchhaltung, sondern so wie Schwager Hermann Jüngerhans in die Position des technischen Direktors des Unternehmens wuchs, so wuchs sie schnell in die Rolle der Finanzdirektorin, die sie heute noch völlig unangefochten inne hat. Den Finanzplan für die ersten Beteiligungen entwarf sie selbst. Sauber gerechnet und geschrieben. Zwar haben sich die Jüngerhans damals bei den erwarteten Frachtraten leicht vertan - das können sie auch heute noch nach rund 30 Jahren aus dem Stand genau vorrechnen und da wird nichts beschönigt. Sie achten darauf, daß man ihre persönliche Lebensleistung nicht überbewertet, aber insgesamt war dieses erste KG-Modell ein so guter Erfolg, daß weitere folgten.
Wo Erfolg ist, da stellen sich auch Partner ein. Nein, die Jüngerhans reden nicht über ihre Anleger - "Wenn Sie da Informationen suchen, müssen Sie die Leute selbst fragen." -, wohl aber über andere Geschäftspartner. Jan Luiken Oltmann aus Leer zum Beispiel. Mit der Jan Luiken Oltmanngruppe GmbH & Co. KG wurden in den vergangenen Jahren (seit Ende 1992) die meisten der 29 Beteiligungsgesellschaften verwirklicht, für die die Jüngerhans heute Vertragsreeder sind. Das Verhältnis zur Oltmann-Gruppe? "Gut!", kommt es nüchtern, karg zurück, aber es schwingt Hochachtung mit. Den finanziellen Teil in bezug auf die KG-Schiffe wickelt Maria Jüngerhans zusammen mit Oltmann ab. Bei der Auswahl des Schiffstyps und seiner Details schlägt allerdings die Erfahrung der Jüngerhans-Kapitäne zu. Die bringen dabei selbstverständlich nicht nur ihre nautisch-technischen Kenntnisse ein, sondern ebenso ihre Erfahrungen mit den Bedürfnissen der Charterer. Wer Schiffe an einen Reeder verchartern will, der im Projektladungs- oder Schwergutgeschäft steckt, der muß nicht nur etwas vom Ladegeschirr verstehen, sondern viel vom Schiffbau, von Krängungswinkeln beim arbeiten mit eigenem Geschirr, von Ladungssicherung und Staumöglichkeiten und so weiter. Dahinter steckt weit mehr als die einfache Transportbegleitung von Containern über See. Natürlich, so erläutert Heinrich Jüngerhans das Verhältnis zur Oltmann Gruppe in Leer: "Oltmann redet uns zwar nicht in den Reedereibetrieb hinein, aber wissen will er möglichst immer alles. Vertrauen wächst auf der Basis von Offenheit und Ehrlichkeit", und da treffen sich Jüngerhans und Oltmann.Wer das fälschlich für "schwerfällig" hält, der mag es tun, die Jüngerhans wird das nicht stören. Sie beziehen ihr Selbstverständnis nicht aus dem Schulterklopfen der schnellen Geldmacher, sondern aus der präzisen Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Wohl deshalb klagen die Jüngerhans auch nicht über schlechte Raten, die sich gerade in der Größenordnung ihrer Schiffe langsamer erholen als in anderen Bereichen (was eigentlich immer so war), aber sie arbeiten um so intensiver an der Ergebnisverbesserung. Ã"rgerlich allerdings werden sie schon, zum Beispiel bei Standortfragen. Die Jüngerhans & Co. Reedereiverwaltung leidet ebenso wie die ARKON Shipping GmbH & Co KG, an der sie zu einem Drittel beteiligt ist, oder wie die 100-%igen Töchter SHJ Shipping sowie die Schiffahrtsgesellschaften Mare, Astor und Sirius unter dem Standort im Emsland. Das geht den meisten Unternehmen so, die dort qualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Sie müssen sich ihre Leute selbst ausbilden. Gute Leute von außerhalb ins Emsland zu holen ist schwer. Die Lebensqualität an der Ems offenbart sich dem Großstädter nicht so schnell. Natürlich, die sehr deulich niedrigeren Lebenshaltungskosten erfaßt jeder sofort. Die Ruhe ist immerhin noch fühlbar, aber das "Wir-Gefühl" und das dazu gehörende soziale Verantwortungsbewußtsein, das dafür sorgt, daß man nicht einfach fortläuft, wenn es schwierig wird, und seine Reederei von irgendwo aus betreibt, das muß man erst wieder lernen. Man muß gut zuhören, um zu verstehen. Die großen eloquenten Reden sind nicht unbedingt Sache der Jüngerhans. Sie entlassen den Frager insoweit mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits fühlt man sich - mit mühsam im Zaum gehaltener Ãoberheblichkeit - an Tugenden von gestern erinnert. Andereseits, wenn man die radikale Wende der deutschen Politik hinein in die private Verantwortung sieht, wenn man davon überzeugt ist, daß wir als Gegengewicht zur Globalisierung viel stärker in Clustern denken müssen, um wirtschaftlich an frühere Erfolge anknüpfen zu können, wird einem schlagartig deutlich, daß dies gesellschaftlich nur genau mit diesen Tugenden funktionieren kann. Insoweit leben uns traditionsbewußte emsländische und ostfriesische Reeder heute die Zukunft vor. Die Jüngerhans sind allerdings alles andere als Sozial-Phantasten. Es ist nicht der theoretische Ãoberbau, der ihre Handlungsweisen bestimmt, sondern praktische Vernunft. Das kann man testen. Befragt z.B. nach ihren Vorstellung zum gerade virulenten Lotsenthema - "Versuchen die Lotsen, ihre Schlüsselstellung exzessiv zu nutzen?" -, kommt die Antwort prompt: "So wie wir Reeder die Schiffe bei den derzeitigen Wettbewerbsbedingungen knüppeln müssen, benötigen wir die Lotsen nicht unbedingt wegen ihrer besonderen Revierkenntnisse dringend, sondern zur Verstärkung unserer Besatzungen, und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß mich als Reeder jeder Pfennig stört, den ich ausgeben muß". So Heinrich Jüngerhans, und hinterhergeschoben wird, daß auch der Verband nicht gut beraten ist, wenn er nur auf die paar Linienreeder hört, die sich mit den an der Gesamtmenge der Schiffe gemessenen wenigen großen Containerschiffen in ihren Fahrplankalkulationen beeinträchtigt fühlen. Und wenn man schon mal dabei ist: "Die letzten 20 Jahre Ausbildungspolitik sind durchaus nicht im Sinne der Reeder an der Ems gelaufen. Es macht keinen Sinn, in solchen Fragen nur auf Linienreeder mit großen Schiffen zu hören, die im Zweifelsfall über Nacht alles stehen und liegen lassen, um anzukündigen, nach Singapore auswandern zu wollen. Ja, auch Jüngerhans steht hinter der Ausbildung für Seeleute im Emsland und bezahlt die Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs mit eigenem Geld. Natürlich klingen da auch selbstkritische Töne an. Es sei schon richtig, daß man sich mit diesen Dingen auch stärker im Verband engagieren kann und muß - Maria Jüngerhans ist in einem der VDR-Fachausschüsse aktiv (natürlich geht es um Finanzen) -, aber das allein reicht nicht, um stärker Gehör zu finden. Nein, der erneuten Trennung der Mitglieder in einen Verband der Linienreeder und einen Verband für Reeder mit anderen Interessen - die Trennung in weltweit agierende Großreeder und die kleinen Kümo-Reeder in der Nord- und Ostseefahrt stimmt ja schon sehr lange nicht mehr - halten die Jüngerhans nicht für gut.
Ganz sicher aber wären sie mit von der Partie, wenn es darum geht, eine Organisationsform innerhalb des Verbandes zu finden, die es ermöglicht, ihre Interessen weit stärker zu berücksichtigen, ohne daß die im wesentlichen als mittelständisch geführten Unternehmen personell zu stark belastet werden. Eine sicher reizvolle Aufgabe, vor allem für die nachfolgende Generation. Maria, Heinrich und Hermann Jüngerhans sind sich einig: Wenn es allein um sie ginge, würden sie keine neuen Schiffe mehr anfassen, sondern sich langsam auf den Rückzug vorbereiten. Aber die Söhne Herm und Stefan Jüngerhans (Jahrgang 1973 und 1975) haben sich für das Unternehmen entschieden. Stefan, frisch diplomierter Wirtschaftsingenieur aus Elsfleth, macht gerade die ersten Gehversuche im Unternehmen in Haren. Viel zu früh noch um zu ahnen, an welcher Stelle denn der Generationenkonflickt ausbrechen wird, aber mit dem gleichen ruhigen und klaren Selbstverständnis, daß die Reederei nicht irgend etwas eher Anonymes zum Zwecke des Gelderwebs ist, sondern wesentlicher Bestandteil des eigenen Lebens. Herm Jüngerhans war nicht zugegen. Er absolviert gerade seine Ausbildung bei der Hamburg-Süd. Aber auch er hat sich für das Jüngerhans-Unternehmen, für das Emsland und natürlich für Haren entschieden.
Claus Wilde | Hansa International Maritime Journal 9/2000

